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„Von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung und Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen. [...] Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle.“
(Karl R. Popper „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II. Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen.“ 1980)
Wir alle wollen glücklich sein – jeder strebt auf seine Art nach den eigenen Vorstellungen von Glück und Glücklichsein. Lässt sich das Glück aber definieren als ein allgemeines und kollektives Gut? Davon ist angesichts der allzu zahlreichen Konflikte, die uns sowohl auf persönlicher als auch politischer Ebene in unserem Alltag begegnen, wohl nicht auszugehen.
Unserer westlich geprägten Gesellschaft gilt ganz im Sinne des „Pursuit of Happiness“ die individuelle Freiheit als eine hinreichende Bedingung für die Erlangung des eigenen Glücks und Wohlbefindens.
Das Glück, den eigenen Lebensweg frei wählen und gestalten zu können, nimmt dabei einen zentralen Stellenwert ein. In unserem Verständnis ist diese mit der Freiheit verknüpfte Glücksvorstellung aufs Engste mit dem demokratischen System verbunden. Macht es uns aber schon glücklich, wenn wir von unserem Wahlrecht Gebrauch machen und unsere Meinung frei verkünden dürfen? Freiheit trägt stets auch das gefährliche Potential in sich, in Orientierungslosigkeit und folglich Unzufriedenheit zu münden. Dem World Value Survey zufolge ist Deutschland diejenige Nation, die mit dem eigenen Status quo am wenigstens zufrieden ist – obwohl ihre politische Ordnung jedem Einzelnen die Freiheit lässt, sein persönliches Glück zu verfolgen. Was muss, kann und was darf der Staat überhaupt tun, um das Glück seiner Bürger zu gewährleisten und deren Bedürfnisse nachzukommen?
Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Wirtschaft? Manche Züge des Kapitalismus erwecken oft den Anschein, Glück sei käuflich: Ein perfekter Körper, ein schnelles Auto, Urlaub an allen Orten der Welt – Vorstellungen, die unser Streben beeinflussen und teils sogar steuern. Wie konstruieren Medien und Werbung mit ihren Versprechungen unsere Glücksvorstellung? Geht es auch immer höher, weiter, schneller, besser, es muss erlaubt sein, die Frage stellen, ob eine soziale tatsächlich auch eine „glückliche“ Marktwirtschaft ist.
Wird unser Glück denn allein von materiellen Gütern bestimmt? Sollen Arbeit und Beruf nur notwendiges Übel zum Lebenserhalt oder nicht vielmehr auch Erlebnis und Erfüllung sein? Führende Unternehmen wie Google und SAP setzen auf die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter, um ihre Effizienz zu steigern. Kostenlose Fitnessstudios, Wellness-Angebote und flexible Arbeitszeiten – glückliche Mitarbeiter als Schlüssel zum Erfolg! Wie können wir unser heutiges Verhältnis zu Arbeit definieren?
Medizinische Forschungserfolge erlauben heute auch Verbesserungen der Leistungsfähigkeit und eine Beeinflussung des Gemütszustandes. Der Mensch als seines eigenen Glückes Schmied scheint ganz unabhängig von seinen körperlichen und psychischen Vorraussetzungen nicht mehr auf das Glück in der Gemeinschaft und Leistungserfolge verzichten zu müssen. Doch wie weit darf er dabei gehen? Steht nicht zu befürchten, dass das „Kann“ unserer medizinischen Möglichkeiten zu einem „Muss“ wird in einer Gesellschaft, die ihre eigene Grenzen nicht anerkennen will?
Spätestens seit der 68er-Bewegung sind Disziplin und Autorität vornehmlich mit einer negativen Konnotation behaftet. Sie stehen unter dem Verdacht, die Selbstentfaltung zu hemmen und verlieren in der Pädagogik zunehmend an Bedeutung. Gerade in einer durch schnellen Wandel bestimmten, pluralistischen Gesellschaft scheint jede Regel, jede Maßgabe und Vorschrift relativierbar. Kinder aber testen ihre Grenzen aus und die Rolle von Eltern und Pädagogen muss neu definiert werden. Ist es vielleicht sogar eine erzieherische Pflicht der Schule, uns zu glücklichen Menschen zu machen? An der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg steht „Glück“ mittlerweile auf dem Stundenplan und auch in Harvard „lernen“ sich die Studierenden glücklich…
Mit Freiheit, Demokratie und Wohlstand scheint das Glück vom Westen gepachtet. Tragen wir damit die Verantwortung, unsere Glücksvorstellung auf andere Kulturkreise zu übertragen oder sollten wir selbst von Ländern wie China und Indien lernen? Ist es an der Zeit, den Absolutheitsanspruch unseres durch die Aufklärung geprägten Glückbegriffs zu überdenken, um eben nicht der von Popper angesprochenen Versuchung zu erliegen, den Himmel auf Erden einzurichten?
Diese und andere drängende Fragen wollen wir auf dem 21. Heidelberger Symposium ergründen, diskutieren und weiterführen. Es soll dabei keine Anleitung zum Glücklichsein geliefert werden. Unsere Absicht ist es vielmehr, das Streben nach Glück als einen zentralen Aspekt des Menschseins um neue Perspektiven zu erweitern und uns mit seinem Konfliktpotential sowie seinen Chancen im heutigen Zeitalter der globalen Vernetzung auseinanderzusetzen.
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